„Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist grüner“ lautet ein altes Sprichwort.

Der Partner der Freundin ist viel verständnisvoller, der Job des neuen Nachbarn ist interessanter, das Essen am Nachbartisch ist leckerer – nachdem Sie Ihre Bestellung aufgegeben haben.
Das hängt mit unserem Gehirn (und einem chemischen Botenstoff namens Dopamin) zusammen. Alles, was wir ein paar Mal erlebt haben wird all-täglich. Weil wir es tatsächlich alle Tage erleben. Aus diesem Grund können wir uns an viele Details in einer fremden Wohnung erinnern – und kaum die eigene Wohnung erklären. Sie glauben mir nicht? Okay. Lassen Sie sich auf ein kleines Experiment zur Wahrnehmung ein?

Sie brauchen nur ein paar Sekunden ihrer Zeit. Und eine – Halt:
Für dieses Experiment brauchen Sie eine – und ab sofort bitte nicht mehr darauf gucken, sonst ist die Übung schon vorbei – eine Armbanduhr. Sie gucken mehrmals am Tag drauf, also jetzt nicht mehr.
Ich habe dieses Experiment von Vera F. Birkenbihl übernommen, die es auch in ihrem Buch „Erfolgstraining“ beschreibt.
Stellen Sie sich ihre Uhr im Geiste vor. Wie sehen die Ziffern und Zeiger aus? Haben Sie arabische oder römische Ziffern? Haben Sie überhaupt Zahlen oder nur Punkte oder ähnliches?
Wenn Sie die Antwort gegeben haben – schauen Sie nach.

Lagen Sie richtig? Haben Sie sich geirrt? Oder wussten Sie es gar nicht?
Egal. Wenn ich dieses Experiment in meinen Seminaren mache, kennen ca. 65% nicht die richtige Antwort. Und das, obwohl sie mehrmals täglich auf die Uhr gucken.
Übrigens, da Sie gerade auf die Uhr geguckt haben – wie spät ist es?

Ups. Sie wissen es nicht? Gratuliere. Dann gehören Sie zu den ca. 90% der Leute, die in meinen Seminaren dieses Experiment durchführen und anschließend nicht die Uhrzeit nennen können.

Um Energie zu sparen merkt unser Gehirn nur wichtige Sachen. Was wichtig ist entscheidet unser Gehirn für uns. Leider ist das, was unser Gehirn für bemerkenswert hält und das, was wir uns merken wollen, nicht immer gleich.

Werfen wir einen Blick zu unserem Nachbarn. Auf die saftige, grüne Wiese. Die ist neu. Die ist interessant. Und wichtig für unser Gehirn. Wissen Sie, was das Überraschende ist? Die Leute auf der anderen Seite befinden sich in der gleichen Situation wie wir. Und ich verrate Ihnen noch ein gut gehütetes Geheimnis: Auch auf der anderen Seite muss der Rasen gemäht werden.

Das Phänomen heißt Coolidge-Effekt, nach dem 30. US-Präsidenten Calvin Coolidge (1872-1933). Nach einer auch in der Fachliteratur kolportierten, aber nie authentifizierten Anekdote besuchte Mr. Coolidge einst mit seiner Gattin eine Farm, wo Mrs. Coolidge auf einen Hahn aufmerksam wurde, der gerade eine Henne bestieg. Als man ihr mitteilte, der Hahn vollzöge diesen Akt bis zu zwölfmal am Tag, soll sie geantwortet haben: "Sagen Sie das meinem Mann!" Als der Präsident von den Wundertaten erfuhr, fragte er: "Immer mit der gleichen Henne?" Nachdem ihm versichert wurde, es sei jedes Mal eine andere, entgegnete er: "Sagen sie das meiner Frau!"
Mehr zum Coolidge-Effekt in meinem Podcast. Dort erfahren Sie auch, warum wir Männer uns nicht den Hochzeitstag merken (können). Und das wir, liebe Ehefrauen, gar nichts dafür können.

Tipp: Entdecken Sie immer wieder Neues an Ihrem Partner, am Beruf, an den alten Dingen, die Sie besitzen. Sehr hilfreich dabei ist ein Perspektivenwechsel. Treten Sie gedanklich (und auch mal tatsächlich) auf die andere Seite des Zauns. Und betrachten Sie aus diesem neuen Blickwinkel Ihren Garten. Ich wette, Sie sehen Dinge, die Sie so noch nie wahrgenommen haben.

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